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11 June 16 INTERVIEW LINDA SCHUMACHER
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INTERVIEW LINDA SCHUMACHER

INTERVIEW LINDA SCHUMACHER

BONA:
Liebe Linda, wie auch so viele andere Frauen trägst Du selbst ebenfalls gerne Zoccoli?
LINDA:
Ja, sonst würde ich sie nicht auch jetzt gerade für das Interview tragen!
BONA:
Holzsandalen mit Absatz oder die ganz flachen?
Wird es da zu einer spaltenden Glaubensfrage, zu einem aut-aut,
oder geht es um zwei Optionen, die sich ergänzen mögen?
Falls Alternative, bekennst Du Dich da zu einer bestimmten Vorliebe?
LINDA:
In so einem Fall bin ich pragmatisch und überhaupt nicht dogmatisch.
Die Wahl ist situationsbedingt.
In den Ausgang gehe ich eigentlich lieber mit Absatz.
Auch weil ich von Konstitution minut gebaut bin.
Um die Beine zu verlängern und zu "mogeln" sozusagen.
Zu Hause hingegen oder wenn ich mit Lady spazierengehe
- Lady ist ein Mix aus Berner Sennenhund und Husky -
oder bei längeren Shoppingtouren in Konstanz trage ich aber lieber Flatties,
da sie einfach an Bequemlichkeit kaum zu überbieten sind.
BONA:
Linda, ich weiss, dass Du kein Hehl daraus machst, eine überzeugte Veganerin zu sein.
Bei Dir kann man also nicht mehr einfach von "Esskultur" wie bei anderen sprechen.
Essen soll bei Dir viel mehr als Manifestation eines Programms und somit letzten Endes einer Weltanschauung verstanden werden,
die Dich bewusst mit der Natur harmonisch verbindet und die sich auf grossem Respekt für unsere Umwelt stützt.
Vor diesem Background was hältst Du vom Material Holz bei den Zoccoli?
LINDA:
Es geht um Lebendigkeit. Holz lebt.
Seine Maserung erzählt eine Geschichte.
Jahresring nach Jahresring ist Holz herangewachsen.
Auch zu Hause sind wir ja alle - wer mehr, wer weniger - von Holz umgeben.
Sei es der Parkettboden oder alte Schränke und Truhen noch von den Grosseltern oder eine knisternde Holztreppe,
deren Auftritte in der Mitte so verbraucht sind, dass sie inzwischen durch die lange Lebensdauer wie eingesackt erscheinen.
Weiter kann sich Holz verfärben und kann die Spuren der Vergangenheit registrieren.
Sei es durch die durch ein Fenster stets im gleichen Winkel einfallende Sonne bei der Holzeinrichtung
oder seien es die Ringe der Weingläser auf der Holztafel, die uns später noch lange auf eine entspannte Konvivialität erinnern können.
Dazu kann sich Holz verformen. Es arbeitet stetig.
Es zieht sich im Winter zurück, um sich in der guten Saison wieder auszudehnen.
Das Schöne daran ist, diese Lebendigkeit mit unseren Sinnesorganen zu spüren und zu verfolgen,
nicht nur visuell, beinahe gar haptisch mitzuerleben.
BONA:
Bei den Briten musste aus praktischen Gründen immer zuerst der Butler die neuen Schuhe des Herrn tragen.
Doch bei Frauenschuhen können die meisten Modelle nur neu in ihrer Makellosigkeit prächtig erscheinen.
Demgegenüber sehen aber Klassiker wie zB meine Timberland eindeutig besser aus, wenn schon seit einiger Zeit getragen.
Was hältst Du nun von Holzsandalen, die schon die Patina vom Gebrauch zeigen?
LINDA:
Ja, mir gefallen schon getragene besser, weil sie viel mehr Charakter ausstrahlen.
Ganz besonders gefällt mir dieser Abdruck des Fusses auf dem Fussbett,
der graduell mit der Zeit zum Vorschein kommt und langsam immer verständlicher lesbar wird.
Für mich ist der Fussabdruck vergleichbar mit dem Fingerabdruck.
So bekommt jedes Paar Holzsandalen unvermeidbar dann seine ganz eigene und unverwechselbare Individualität.
Wie eine uns begleitende, treue Spur unserer eigenen Identität,
die die Holzsandalen immer klarer verdeutlichen und festhalten.
Das gefällt mir dabei unglaublich. Und so als Teil von uns gewinnt man sie auch immer lieber.
BONA: 
Lasst uns nun zu einem anderen Themenkreis übergehen.
Wir haben uns beide schon durch die Fotografie mit erotischer Darstellung befasst, die ja interessant sein kann,
weil sie ein Problem zuspitzt, das dann überhaupt von allgemeinerer Bedeutung ist,
und zwar bei der Auseinandersetzung mit Materialien und somit auch bei einem jeglichen Entwurf.
Wie schon Jacob Burckhardt zusammengefasst hatte,
der Schlüssel zur erotischen Darstellung liegt nämlich schlicht und einfach beim Kontrast, beim gekonnten Kontrast.
Funktioniert in diesem Sinne der Kontrast zwischen Frauenfuss und Holzsandale?
LINDA:
Ja, natürlich. Dieser Kontrast ist unverkennbar.
Und ganz besonders, wenn wir an feingliedrige und zarte Frauenfüsse denken,
wenn sie ganz schlichte und traditionelle Holzsandalen mit ihrer unmittelbaren Materialität und gewissen Sperrigkeit tragen.
Die Füsse werden dabei noch viel delikater wirken, die Clappers andererseits etwas härter und vielleicht grob.
Dass sich die verschiedenen Eigenschaften gegenseitig intensivieren,
das kann sich nur aus einer gelungenen Kontrastwirkung ergeben.
BONA:
Nun zu den Holzsandalen, wie sie von einer Frau, die sie trägt, erlebt werden.
Könnte man gar da schlussendlich an eine erotische Dimension denken,
an diesen "Klebstoff mit der Umwelt", wie Immanuel Kant Erotismus definiert hatte?
LINDA:
Ich  denke, dass sie schon erotisch wirken. Man empfindet sie als natürlich.
Damit fühlt man sich als Frau viel befreiter und spontaner.
Und Freiheit und Natürlichkeit sind erotisch.
BONA:
Holzsandalen klingen nun mal auf ganz typische Weise.
Bahnbrechend in diesem Zusammenhang der Synästhesie war dabei das frühere Video von Andreas Mester, The Slapping Contest,
das die Klangvariationen einer Hanna, die durch eine leere Fabrikhalle hin- und zurückging, beeindruckend studiert hatte und das Du nun auch kennst.
Könnte man also möglicherweise darüber nachdenken, mit den Zoccoli die Frauenmode auch vom Klang her, akustisch, zu ergänzen und zu bereichern?
LINDA:
Ja, durchaus.
Es ist durch die Pekuliarität ganz bestimmter Geräusche und Klänge,
dass wir einzigartig und wiedererkennbar werden können, noch bevor wir erblickt werden.
Jede Frau trägt irgendetwas, was ihre Bewegungen und somit ihre Art in eine ganz bestimmte Klangkonstellation umwandelt.
Sei es das Armband oder die Danglies der baumelnden Ohrringe oder der Stoff ihres Kleides, der raschelt.
Interessant fand ich immer innerhalb dieser Kunst des Horchens,
dass man dabei Menschen gar an ihrem jeweils leicht verschiedenen Schlüsselbund identifizieren kann.
BONA:
Kann es so auch beim Gang eine individuelle Färbung geben?
LINDA:
Auf alle Fälle.
Gerade die Holzsandalen vermögen den Tritt und den Gang einer Frau so zu verstärken,
dass sie sich dann prägend zu etwas eminent Individuelles und Persönliches hervorheben.
Gerade dieser Ton beim Gehen erlaubt uns gut den ganzen Stil einer Frau zu erkennen.
Er beweist etwa, ob sie sich elegant, formal oder mehr locker-sportlich in ihrem Erscheinungsbild präsentiert.
Sie mag beinahe schwebend oder schwingend oder tanzend gehen.
Sie kann aber auch etwas männlich marschieren.
Oder man kann an einem niedergeschlagenen Gang sogar merken, ob eine Person leider von einer schweren Bürde bedrückt ist.
BONA:
Manche wie mein Freund Andreas meinen sogar, dass die von einer Frau getragenen Zoccoli stets so "neckisch klatschen".
Als ob sie quasi mit einem Augenzwinkern rufen würden.
Welche sind jetzt Deine Assoziationen?
LINDA:
Mir kommen nun verschieden Situationen in den Sinn.
Zum einen denke ich an guten Wein.
Wenn wir ihn kosten, pflegen wir auch etwas zu schmatzen: schmatz, schmatz, schmatz.
Zum anderen an Küsse.
Enthusiastische Küsse klingen ja auch so ähnlich: smack, smack, smack.
BONA:
Abschliessend wollte ich Dich zum Entwurf unserer Zoccolina fragen, unserer flachen, doch sehr feinen und minimalistischen Holzsandale für den Abend. Würdest Du Dich trauen, damit auch sogar tanzen zu können?
LINDA:
Jetzt mal abgesehen davon, dass ich sie auch optisch mit diesen Schnüren anstelle der Riemenschnallen sehr ansprechend finde...
Ja, klar, dass ich sie auf einer Tanzfläche gerne trage.
Ich habe damit mehr Ausdauer als alle anderen auf ihren High Heels!
BONA: 
Besten dank, Linda, für dieses interessante Gespräch!
LINDA:
Es war meine Freude.